
Die Bilder könnten aus einem Katastrophenfilm stammen: Eine gigantische braune Wand aus Wasser, Schlamm und Geröll türmt sich plötzlich auf und schießt durch ein Himalaya-Tal. Schlamm und Wasser reißen Häuser mit, verschlucken Straßen und schleudern Lastwagen herum wie Spielzeug. Menschen rennen um ihr Leben, während hinter ihnen ein ganzer Ort verschwindet.
Ein Alptraum-Szenario für alle, die am Mittwoch in der Region Rasuwa an der Grenze zwischen Nepal und Tibet unterwegs waren - und das waren viele, darunter auch mehr als 500 Touristen aus anderen Teilen der Welt. Die nepalesische Tourismusbehörde spricht auch von acht Deutschen und einem Schweizer, zu denen es keinen Kontakt mehr gebe. Ihr Schicksal ist unklar.
Später werden erste Leichen gefunden, Dutzende viele Kilometer entfernt an der Grenze zu Indien und völlig entstellt. Die Flut hat ihre Opfer über ungeheure Strecken mitgerissen. Insgesamt gelten mittlerweile mehr als 1.300 Menschen als vermisst.
Was sagen Augenzeugen?
"Gestern war der schlimmste Moment unseres Lebens. Viele von uns haben es rechtzeitig geschafft, sich in Sicherheit zu bringen - aber viele andere nicht", sagte Suraj Silwal, Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Bidur, einer der am schlimmsten betroffenen Gemeinden, am Telefon der Deutschen Presse-Agentur. Familien suchten verzweifelt nach ihren Angehörigen, die vielleicht nie mehr nach Hause kommen. "Mein Freund und seine Mutter werden noch vermisst – sie wurden aus ihrem eigenen Haus fortgerissen."
Die Such- und Rettungsaktionen seien aber extrem schwierig, erzählte Silwal. "Es gibt Gebiete, die wir noch immer nicht erreichen können – da sind keine Brücken mehr, es gibt keine Durchfahrt. Alles sieht so trostlos aus." Aber Stück für Stück kämen die Helfer voran und würden mittlerweile zu Häusern vordringen, die vorher nicht erreichbar waren: "Wir schauen, ob jemand dort auf Hilfe oder Lebensmittel wartet."
Touristen- und Pilgerparadies Himalaya
Nepal gehört zu den ärmsten Ländern Asiens, und gerade in den abgelegenen Himalaya-Regionen ist die Infrastruktur vielerorts äußerst fragil. Straßen sind schmal und schwer zugänglich, Brücken und Verkehrswege können bei Unwettern schnell zerstört werden. Gleichzeitig lebt das Land in hohem Maße vom Tourismus - und der Himalaya mit Achttausendern wie dem Mount Everest und dem Annapurna ist sein größtes Kapital.
Rasuwa liegt dabei mitten in einer besonders reizvollen und zugleich abgelegenen Landschaft des höchsten Gebirges der Erde. Die Region ist das Tor zum Langtang-Nationalpark, einem der wichtigsten Trekkinggebiete Nepals, mit schneebedeckten Gipfeln, Gletschern und Hochgebirgsseen. Hier liegen auf rund 4.000 Metern Höhe etwa die heiligen Seen von Gosainkund, die als bedeutender Wallfahrtsort für Hindus und Buddhisten gelten.
Und durch Rasuwa führt auch eine wichtige Route Richtung Tibet und weiter zum heiligen Berg Kailash und zum Manasarovar-See. Gerade Ende August sind dort viele Pilger unterwegs - darunter zahlreiche Inder, die auf dem Weg zum Kailash sind.
"Timure ist komplett verschwunden"
Jetzt aber gibt es in der sonst so prächtigen Landschaft nur noch eine Farbe: Braun. Eine dicke, alles verschlingende Masse aus Wasser, Schlamm, Steinen und Geröll. Sie hat alles unter sich begraben, was ihr im Weg stand, Fahrzeuge, Häuser, Brücken, Märkte und viele, sehr viele Menschen.
Ein Augenzeuge aus dem Ort Timure sagte dem nepalesischen Nachrichtenportal Nepal News: "Timure ist komplett verschwunden, nichts ist mehr übrig." Er habe es kaum glauben können, als der Markt direkt vor seinen eigenen Augen weggespült wurde. "Ich habe noch nie eine solche Flut gesehen." Ein anderer, der Anwohner Sanjeev Shrestha, sagte dem Nachrichenportal Ratopati, etwa 75 Prozent aller Menschen in der Gemeinde seien wahrscheinlich von der Schlammflut verschüttet worden.
Auch auf der chinesischen Seite wurden Menschen von den enormen Wassermassen überrascht. Erst im vergangenen Jahr hatte eine schwere Flut die Bevölkerung in dem Tal getroffen. Jetzt werden Hunderte vermisst, zurück bleibt eine Schneise der Zerstörung. Vor allem am Grenzübergang Gyirong gibt es schwere Schäden. 2024 lief dort fast 30 Prozent des Handelsvolumens zwischen China und Nepal hindurch, wie Chinas Staatsmedien berichteten. Jetzt sind Straßen unpassierbar geworden, die Kommunikationsverbindungen brachen zusammen.
Was löste die Flut aus?
Überhaupt ist die Grenze zwischen Nepal und Tibet, die auf Landkarten so klar aussieht, nach der Sturzflut scheinbar verschwunden. Flüsse und Gletscher kennen keine Grenzen - und können eine zerstörerische Kraft entfalten, der sich kaum etwas entgegenstellen kann.
Erste technische Untersuchungen weisen inzwischen auf einen massiven Eis- und Felsabbruch auf der tibetischen Seite hin. Dabei könnte sich ein Fluss durch die Blockade aufgestaut haben. Als diese Barriere brach, wurde vermutlich innerhalb kürzester Zeit eine gewaltige Wassermenge freigesetzt.
Der Himalaya ist für die Welt ein magischer Ort der weißen Gipfel, der Gebetsfahnen und der spektakulären Landschaften. Für die Menschen in seinen Tälern ist er zugleich Lebensgrundlage und tödliche Gefahr. So wie für den 38-jährigen Buddhi Bahadur Budhathoki: Er musste mitansehen, wie seine Frau und seine vier Kinder von den Schlammmassen fortgerissen wurden, wie er dem Onlineportal "Khabar" berichtet: "Ich habe keine Hoffnung, dass meine Familie überlebt hat."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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