
Olympiagold gegen Grand-Slam-Triumph? Auch die knifflige Frage, ob er den bislang größten Erfolg seiner Karriere gegen seinen Sehnsuchts-Titel tauschen würde, brachte Alexander Zverev nicht in die Bredouille. "Keine Chance", sagte der deutsche Tennisstar ohne zu zögern. Aber, ergänzte Zverev lächelnd, "ich hätte nichts dagegen, auch noch ein paar Dinge meiner Liste hinzuzufügen".
Denn zwei großen Karriere-Zielen ist er bislang vergeblich hinterhergelaufen: die Nummer eins der Weltrangliste zu sein und einen Grand-Slam-Turniersieg zu gewinnen. Zumindest Letzteres ist nun bei den French Open zum Greifen nah: Nach einer titelreifen Leistung beim 7:6 (7:3), 6:1, 6:3 gegen den 19-jährigen Spanier Rafael Jódar ist Zverev nur noch zwei Siege von der Karriere-Krönung entfernt. Und kein Jannik Sinner, kein Novak Djokovic und auch kein Carlos Alcaraz steht ihm im Weg.
Der nächste Jungstar aus der neuen Generation wartet
Der mögliche Stolperstein im Halbfinale heißt Jakub Mensik. Der 20-jährige Tscheche ist wie Jódar einer aus der neuen Generation, genau wie Mensiks unterlegener Viertelfinal-Gegner und Djokovic-Bezwinger João Fonseca (19). "Die spielen sehr, sehr gutes Tennis, die haben alle unfassbares Potenzial, klar", sagte der rund zehn Jahre ältere Zverev. Aber mit dem Alter und der Erfahrung bekomme man "automatisch mehr Waffen" in seinem Spiel.
Und eine davon ist: Fokus. "Ich gebe jetzt das Interview, dann gehe ich was essen, gehe Massage machen, spiele Mario Kart und gehe schlafen", sagte Zverev nach dem Viertelfinalsieg unaufgeregt. "Für mich ändert sich mein Leben nicht sonderlich, ob ich jetzt gegen Djokovic spiele im Halbfinale oder gegen einen von den jungen Jungs." Und fast mantraartig wiederholt er dieser Tage in Paris: "Ich muss mir selbst und meinem Spiel vertrauen."
Becker glaubt an Zverevs "Kopfkino"
Bislang zeigt der Hamburger mit seiner "Von-Match-zu-Match"-Mentalität keinerlei Nervenflattern. Boris Becker glaubt aber, dass sich das angesichts von zwei freien Tagen bis zum Halbfinale am Freitag etwas ändern könnte. "Das Kopfkino geht natürlich jetzt los", sagte der dreimalige Wimbledon-Gewinner. "Ich glaube, der Kopf fängt langsam an nachzudenken, was da passieren könnte."
Bislang gab es dafür aber keine Anzeichen - dafür sorgt auch Zverevs Team. Als er nach dem Viertelfinalsieg auf dem Ergometer das Laktat aus den Beinen radelte, lachten um ihn herum seine Crewmitglieder herzhaft. Selbst Vater Alexander Zverev senior, der bei Matches kaum eine Miene verzieht. Unterstützung erhält Zverev in Paris auch von seiner Oma, die ihren Enkel nach dem Tod ihres Mannes öfters begleitet. Und auch Dackel Mishka erwärmt Zverevs Herz.
Der Olympiasieg bleibt auf ewig
Sein wichtigster Wohlfühlfaktor sind aber die Siege. In diesem Jahrzehnt haben nur zwei Spieler mehr Matches auf der Grand-Slam-Bühne gewonnen als Zverev (91): der Weltranglistenerste Sinner (93) und der Grand-Slam-Rekordchampion Djokovic (124). Der Italiener und der Serbe sind in Paris früh gescheitert und haben Zverevs Titeltraum deutlich realistischer gemacht. Allerdings auch den Druck auf den Deutschen deutlich erhöht.
Aber selbst wenn Zverev in Paris mit seiner Titelmission scheitert und womöglich für immer der "Unvollendete" bleibt, wie der Titel einer Doku über ihn lautet: Den Olympiasieg 2021 kann ihm keiner mehr nehmen. "Es ist deswegen so besonders, weil es so wenig Leute geschafft haben", sagte Zverev. "Ich denke, du tust es für dein Land, du tust es für die Leute zu Hause. Deswegen würde ich niemals meine Goldmedaille für irgendwas eintauschen."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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