
Am Ende des anderthalbstündigen Films über eines der größten deutschen Fußball-Märchen kann Lothar Matthäus die Tränen nur ganz schwer zurückhalten. Er habe nach dem berauschenden Titelgewinn in Italien noch in anderen Mannschaften mit "vielleicht noch mehr Qualität" gespielt, sagt der Weltmeister-Kapitän mit stockender Stimme: "Aber die 1990er, die hatte Charakter. Und darauf bin ich stolz."
Die vielgepriesene Kameradschaft untereinander, der unbändige Siegeswille und die kurz nach der Wiedervereinigung ganz besondere Stimmung - das sind die Hauptthemen der Dokumentation "Ein Sommer in Italien - WM 1990". Der Film kommt am 19. März in die Kinos und blickt auf den dritten deutschen WM-Triumph unter Teamchef Franz Beckenbauer vor knapp 36 Jahren zurück.
Mit Archivvideos, aber auch mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen von Torwart Bodo Illgner und Interviews der Protagonisten erhält der Zuschauer Einblick in die aufregenden WM-Wochen, von denen Thomas Häßler sagt: "Vom ersten Tag an sind wir praktisch auf einer rosa Wolke gewesen und sind damit durch das ganze Turnier geflogen."
Am Comer See wird der Grundstein gelegt
Karl-Heinz Riedle und Andreas Möller treffen sich im Castello di Casiglio in Nähe des Comer Sees und schwelgen in Erinnerungen. "War schon eine geile Zeit", sagt Riedle, der damals "das erste Mal im Leben gescheite Spaghetti gegessen" habe. Dank der vielen Fans im Ort fühlten sich die Spieler aber auch wie in der Heimat. "Ich kann mich an unglaublich viele Campingwagen erinnern, an viele Fans, die hier mit Deutschland-Fahnen am Straßenrand standen", sagt Möller.
Ostdeutsche Fans seien "mit ihren Trabis nach Italien über die Alpen gefahren", sagte Matthäus der Deutschen Presse-Agentur, "und unsere westdeutschen Fans waren ja auch da". Und die Tifosi hielten aufgrund der vielen Italien-Legionäre im Team auch zu Deutschland. All das habe das Turnier "zu einer Heim-WM" gemacht, so Matthäus.
Vom Statement zum Auftakt bis zur Krönung im Finale
Auch der sportliche Werdegang während des Turniers wird im Film veranschaulicht. Das grandiose 4:1 zum Auftakt gegen Jugoslawien in Mailand mit einem alles überragenden Matthäus sei kein Zufall gewesen, verrät Jürgen Klinsmann: "Die Vorgabe von Franz war, gleich allen zu zeigen, dass wir hier sind, um das Turnier zu gewinnen."
Vom dramatischen Achtelfinalsieg gegen Erzrivale Niederlande (2:1) wird die Spuck-Attacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler beleuchtet. "Wut war bei uns allen drin nach diesem Vorfall", sagt Klinsmann, der nach Völlers Platzverweis ein "Jahrhundertspiel" gezeigt habe, wie Teamkollege Möller findet.
Gezeigt wird auch, wie sich der wütende Beckenbauer beim schmeichelhaften Viertelfinalerfolg in Überzahl gegen Tschechien (1:0) in der Kabine die Mannschaft und insbesondere Klinsmann vorknöpft: "Mach hier nicht den Pelé. Du bist nicht Pelé." Und wie Beckenbauer vor dem Elfmeterschießen gegen England fast schon verzweifelt nach fünf Schützen sucht.
Buchwalds "Kunst" gegen Maradona
Vor dem Endspiel am 8. Juli 1990 in Rom gegen Argentinien sind die meisten Spieler siegessicher. Einzig Diego Maradona fürchtet das DFB-Team - doch Argentiniens Superstar sieht keinen Stich gegen Guido Buchwald. In der Doku wird der Original-Ton von ARD-Kommentator Gerd Rubenbauer eingespielt: "Der Künstler gegen den Handwerker. In diesem Finale hat der Guido Buchwald das Handwerk zur Kunst erhoben."
Matthäus erklärt zudem, dass er sich aufgrund eines kurzfristigen Schuhwechsels beim entscheidenden Elfmeter nicht sicher gefühlt und deshalb Andreas Brehme den Vortritt gelassen habe. "Es war die klügste Entscheidung in meiner ganzen Karriere."
Matthäus und auch Häßler kämpfen mit den Tränen, als sie über den 2024 gestorbenen Siegtorschützen Brehme sprechen. Der Film wird Brehme, aber auch den ebenfalls gestorbenen Beckenbauer und Frank Mill gewidmet.
Osieck: Beckenbauer mehr als "Geht's raus und spielt's Fußball"
"Der Franz hat es perfekt gemacht, vom ersten Tag an", sagt Matthäus, der auf dem Platz der verlängerte Arm des Teamchefs war. Im WM-Quartier trafen sie sich oft in Beckenbauers Turmzimmer, wo sich die VHS-Kassetten stapelten. Das berühmte Zitat "Geht's raus und spielt's Fußball" allein werde Beckenbauer nicht gerecht, meint dessen damaliger Co-Trainer Holger Osieck: "Der Franz war detailversessen. Der hat nichts dem Zufall überlassen, auch wenn es nach Außen so leicht rüberkam."
Im Film wird auch verraten, warum Möller laut Zimmerkamerad Uwe Bein "zwei-, dreimal" abreisen wollte. Warum die Spielerfrauen im benachbarten Hotel auch ihren Anteil am Erfolg hatten. Warum Pierre Littbarski Angst um Klaus Augenthalers Baby in Beckenbauers Armen hatte ("Der Franz war so unbeholfen mit dem Baby, mit dem Fußball war er besser").
"Weltmeister mit Freunden"
Es wird gezeigt, wie sich Spieler für einen Abstecher nach Como frisierte Motorräder von den Fans ausliehen. Wie die Kabinen-Party nach dem Finalsieg mit dem damaligen Kanzler Helmut Kohl verlief. Die Protagonisten kehren an die nostalgischen Orte zurück, Matthäus zum Beispiel ins Finalstadion von Rom.
"Es war sehr viel Drumherum, viel Jubel, viel Begeisterung, viele Leute haben dich umarmt, gedrückt, geküsst. Ja, es war Wahnsinn", erinnert der Rekordnationalspieler. In jenen Tagen des Sommers 1990 hätten sich Spaß und Ehrgeiz zu einem einmaligen Erlebnis vermischt. "Rudi Völler hat es in einem Interview gesagt: Er ist Weltmeister geworden - mit seinen Freunden", sagt Matthäus: "Und das sagt sehr viel aus."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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