
Julian Nagelsmann verteilt amerikanische Träume. 26 WM-Tickets hat der Bundestrainer zu vergeben. Doch die Auswahl seines Sommer-Personals ist für ihn vor der ersten Kadernominierung im WM-Jahr viel kniffliger als gedacht. Und das trotz der herbeigesehnten Rückkehr der Dauerpatienten Kai Havertz, Antonio Rüdiger und bestmöglich auch Jamal Musiala.
Rudi Völler stellte schon pragmatisch fest: "Der große WM-Favorit sind wir nicht". Die Krux, die der DFB-Sportdirektor und auch Nagelsmann erkannt haben: Konkurrenten wie Spanien, Frankreich oder Portugal haben mehr Qualität oder mehr Quantität auf hohem Niveau - oder sogar beides.
Wenn der Bundestrainer am Donnerstag (14.00 Uhr) sein erstes Aufgebot im WM-Jahr für die Testspiele der Fußball-Nationalmannschaft am 27. März in der Schweiz (20.45 Uhr/RTL) und drei Tage später in Stuttgart gegen Ghana (20.45 Uhr/ARD) verkündet, sind also Lösungen für mehrere Problembereiche gefragt.
Wie klappt die Rückkehr der Fixgrößen um Havertz und Musiala?
Nagelsmann spricht von seinen "Key-Playern", den Schlüsselspielern. Und davon hat er nicht sehr viele. "Die müssen natürlich am Ende bei so einem Turnier dabei sein, dass das auch alles gut funktioniert", sagte der 38-Jährige. Zum Gerüst gehören natürlich Kapitän Joshua Kimmich, Verteidiger Nico Schlotterbeck und der in England rechtzeitig in die Spur gekommene Florian Wirtz. Aber eben auch Akteure wie Havertz und Musiala.
Der Bayern-Star spielte ein Jahr nicht im DFB-Trikot, Havertz sogar noch länger. Die Reintegration ins Teamgefüge wird entscheidend sein. Und die Fitnessfrage noch viel mehr. Musiala hat gerade eine Stressreaktion am gebrochenen linken Bein. Havertz musste beim FC Arsenal immer wieder pausieren. "Ich hoffe, dass er sich stabilisiert, auch für ihn und für uns", sagte Nagelsmann.
Wird der Bundestrainer experimentieren?
Große Umbrüche gibt es nicht mehr. Auch eine große Rückholaktion wie im Falle von Toni Kroos vor der Heim-EM 2024 wird es nicht geben. Nagelsmann setzt auf den Teamgedanken. Er will einspielen, eine "Verbindung kreieren", also einschwören auf ein großes Wir-Gefühl. "Das Grobziel ist schon, dass wir im März den Kader so zusammen haben, wie er dann in Idealkonstellation auch Richtung WM spielt", sagte er. Einzelne Wechsel bleiben natürlich möglich. Und auch die Nominierung des großen Mister X als Überraschung im Mai.
Was macht Nagelsmann in der Abwehr?
Antonio Rüdiger war lange der Abwehrchef. Der 33-Jährige fiel mit impulsiven Aussetzern bei Real Madrid negativ auf und bekam im Sommer einen Rüffel. Dann folgte die Verletzungspause. Nun ist der Innenverteidiger zurück und gehört vermutlich zu den Akteuren, die Nagelsmann im "Kicker"-Interview meinte, als er von Profis sprach, die Führungsrollen gewohnt sind, sich aber im Teamgefüge einordnen müssen.
Ein Verzicht auf Rüdiger ist dennoch unwahrscheinlich. Seine Erfahrung haben nicht viele. Hinter dem jüngsten Stammduo Jonathan Tah und Schlotterbeck überzeugt keiner der Kandidaten (Waldemar Anton, Malick Thiaw, Robin Koch, Yann Aurel Bisseck) in Gänze.
Akut bleibt auch die Suche nach einem Backup für Kimmich als Rechtsverteidiger. Benjamin Henrichs war (zu) lange weg. Ridle Baku ist nicht in Topform. Nagelsmann brachte Stuttgarts Josha Vagnoman wieder ins Spiel. Am besten wär's: Kimmich spielt immer durch.
Wer soll als Mittelstürmer Tore schießen?
Nick Woltemade besorgte mit seinen Toren das WM-Ticket. Er ist wie Havertz gesetzt. Und auch Stuttgarts Deniz Undav darf sich angesichts seiner aktuellen Trefferquote und als potenzielle Stimmungskanone gute Chancen ausrechnen.
Doch das Stürmerland Deutschland hat keine kopfballstarke Nummer 9 mehr. Tim Kleindienst ist seit langem verletzt. Von Niclas Füllkrug erwartet Nagelsmann Taten statt Worte, sprich Leistung bei AC Mailand. "Am Ende muss er Tore schießen, Torvorlagen haben und Minuten sammeln", sagte er über den Fan-Liebling, der auch schon lange im DFB-Tross fehlt. Nagelsmann will einen körperlich robusten Mittelstürmer im WM-Kader haben, um im Notfall ein Tor erzwingen zu können.
Was steckt hinter dem großen Goretzka-Lob?
Welche Wucht jede seiner Aussagen entwickeln kann, erlebte Nagelsmann nach seinen Worten zur WM-Perspektive von Leon Goretzka. "Gute Chancen" habe dieser nach seinen Leistungen als Powerspieler im zentralen Mittelfeld in der WM-Qualifikation. Aus den "guten Chancen" wurde vielfach ein Freibrief auf einen WM-Stammplatz interpretiert.
Klar ist, dass der Münchner mit seinem körperlichen Stil und seiner Erfahrungen Qualitäten mitbringt. Das macht ihn im Sammelsurium an Sechser-Kandidaten besonders. Aleksandar Pavlović und Felix Nmecha kämpfen um den Platz neben Goretzka. Ob der Stuttgarter Angelo Stiller zurückkehrt, ist eine der vielen offenen Fragen. Bayerns Tom Bischof könnte vom Profil auch passen.
Ist die Torwartposition wirklich geklärt?
Stand jetzt ist alles klar. Oliver Baumann steht bei der WM im Tor. Alexander Nübel dürfte sein Stellvertreter sein. Für die Nummer drei gibt es diverse Kandidaten. Marc-André ter Stegen kann nur noch eine Wunderheilung zur WM bringen. Und das Thema Manuel Neuer ist vom Tisch, solange Baumann fit ist.
Was ist mit den Jungstars Karl und El Mala?
Die Teenager aus München und Köln bleiben eine WM-Option. Sie müssen aber das Momentum auf ihrer Seite haben und im Falle von Said El Mala auch mehr Spielpraxis nachweisen. Für die besonderen Effekte wäre Karl ein Kandidat. Doch er muss dafür seine Leichtigkeit aus dem Herbst 2025 zurückgewinnen.
Wie geht es mit dem Kaderplan weiter?
In der Woche vor dem letzten Bundesliga-Spieltag (16. Mai) wird Nagelsmann seinen Kader für die WM-Vorbereitung benennen. Für diese erste Auswahl ist der Bundestrainer nicht auf eine konkrete Spieleranzahl festgelegt. Bis Anfang Juni muss bei der FIFA die Liste mit den 26 Turnierspielern eingereicht sein.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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