
Wenn Thomas Tuchel mit seinem Starensemble bei der WM an der Demokratischen Republik Kongo scheitert, kann er seine Zukunft schon vor dem Flug nach Europa neu planen. Denn mit Harry Kane, Jude Bellingham und Englands Weg zur Heim-EM 2028 dürfte der 52 Jahre alte Trainer aus dem schwäbischen Krumbach dann nichts mehr zu tun haben.
Das ist ungefähr die Fallhöhe, mit der Tuchel am Mittwoch (18.00 Uhr/ARD und MagentaTV) in Atlanta das Sechzehntelfinale gegen den krassen Außenseiter aus Afrika bestreitet. "Ich kenne unsere Erwartungen. Ich kenne den großen Traum. Ich weiß, dass wir besser spielen können", räumte Tuchel nach dem 2:0 gegen Panama ein.
Boulevardblatt nennt Tuchel Vorschläge
Zwar hat Tuchel bislang eine herausragende Pflichtspielbilanz von zehn Siegen und einem Remis. Jedoch waren die meisten Erfolge über Gegner wie eben Panama, Lettland oder Andorra. Ernst wird es erst jetzt, wenn jedes der maximal fünf K.o.-Spiele beim XXL-Turnier in Amerika das Aus bedeuten kann. Dass sein Vertrag vor der WM bis zur EM 2028 verlängerte wurde, dürfte unerheblich sein.
Denn für die Generation mit Bayerns Superstürmer Kane und dem in den USA zur Topform auflaufenden Bellingham ist alles unter der Titelerlösung eine Enttäuschung. "Sie sind zwei Spieler, die den Unterschied machen können, die entscheidend sind. Sie spielen ihren besten Fußball", sagte Angreifer Noni Madueke über das Offensivduo.
Bisher gehen die britischen Medien und die omnipräsenten Ex-Profis als Experten relativ mild mit Tuchel um. Das Boulevardblatt "Daily Mail" benannte für den Trainer nach der Nullnummer gegen Ghana sogar vier Probleme, statt ihn verbal anzugehen.
Personalthema rechts hinten
Zentrales Thema der vergangenen Tage ist die komplizierte Personalwahl auf der rechten Verteidigerposition - ob der Verletzungen von Reece James, Toni Livramento und Leverkusens Jarell Quansah. "Es ist unser Job, Lösungen zu finden und das werden wir tun", sagte Tuchel. Über solche Themen als größte Kontroversen wäre Vorgänger Gareth Southgate glücklich gewesen.
Unweigerlich wird Tuchel fortan an Southgate gemessen. Der ehemalige Profi, der auch für seinen verschossenen Elfmeter 1996 gegen Deutschland berühmt wurde, betreute die Three Lions bei vier großen Turnieren und über den Zeitraum von acht Jahren.
Medien und Experten arbeiteten sich regelmäßig an ihm ab, doch der heute 55-Jährige prägte bis zur EM 2024 in Deutschland die erfolgreichste englische Ära seit dem WM-Titel von 1966. Welche vier Dinge kann sich Tuchel abschauen?
Punkt 1: Pragmatischer Turnierfußball
2:0, 1:0, 2:1, 1:1 - wirklich Spektakel war in den vergangenen Jahren selten, wenn England in der K.o.-Runde auflief. Southgate formte das Team ohne jede Rücksicht auf die riesige Offensivqualität zur pragmatischen Turniermannschaft. Zwischen 2018 und 2024 erreichten die Engländer jedes Viertelfinale, das schaffte neben den Three Lions keine andere europäische Mannschaft - nicht einmal Vize-Weltmeister Frankreich.
Das Southgate-England kam trotz - oder womöglich gerade wegen - des ergebnisorientierten Fußballs zweimal ganz in die Nähe einer Trophäe. Bei der EM 2021 und der EM 2024 verloren Kane und Co. gegen Italien und Spanien jeweils erst im Finale. Einmal im Elfmeterschießen und einmal in der letzten Minute der regulären Spielzeit.
Punkt 2: Britisches Medienecho ausblenden
Wenn Trainer Southgate alles gelesen hätte, was in seiner Amtszeit über ihn geschrieben wurde, hätte er für seine eigentliche Arbeit keine Zeit mehr gehabt. Als "Chemiker" bezeichnete ihn das Boulevardblatt "The Sun" einmal. Southgate schaffe es, Gold (das Spielermaterial) zu Metall (das Resultat auf dem Rasen) zu verwandeln. Quasi permanent wähnten Medien und Experten, die teilweise mit Southgate aktiv waren, den Trainer am Abgrund. Doch dieser bewahrte stets die Ruhe - und ließ sich von Kritikern nie provozieren.
Punkt 3: Würdig verabschieden
Zwei Tage nach dem verlorenen EM-Finale gegen Spanien verabschiedete sich Southgate. Die Fußball-Nation ließ er wissen: "Als stolzer Engländer war es die Ehre meines Lebens, für England zu spielen und England zu trainieren. Es hat mir alles bedeutet, und ich habe alles gegeben." Der Abgang zeigte Größe und folgte gerade einmal drei Wochen nach einer Szene, als Fans mit Bechern in seine Richtung warfen, weil ihnen Englands Fußball nicht gefiel.
Ein würdiger Abschied ist durchaus ein Thema für Tuchel, der sich bei seinen Stationen in Dortmund und München eher in Unfrieden verabschiedete. Bayern-Patron Uli Hoeneß ruft Tuchel noch heute wiederholt nach, was er in seiner Zeit beim Rekordmeister falsch gemacht habe.
Punkt 4: Elfmeterschießen gewinnen
Zwischen 1996 und 2012 verlor England fünfmal in Serie ein Elfmeterschießen bei großen Turnieren. Dann kam Southgate und beendete diesen zum Fluch gewordenen Makel. Im WM-Achtelfinale 2018 parierte Jordan Pickford gegen Kolumbien einen Elfmeter und ließ eine ganze Nation jubeln.
Sechs Jahre später wiederholte sich dies, als Pickford im EM-Viertelfinale gegen die Schweiz einen Elfmeter hielt und England so ins Halbfinale führte. Southgate setzte das Thema hoch auf seine Agenda und ließ die Profis häufig nach harten Trainingseinheiten schießen, um die Wettkampfsituation zu simulieren.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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