
"Keine Sekunde" hat Pavlo Plotko gezögert, als es darum ging, seinen Lebensmittelpunkt nach Görlitz zu verlagern. Der 29-Jährige, geboren im ostukrainischen Charkiw, arbeitet am Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA), das derzeit in Interimsräumen im historischen Postamtsgebäude der Görlitzer Altstadt untergebracht ist. "Ich habe nicht drei Monate Probewohnen gebraucht", sagt er lachend. "So eine Chance, ein großes Forschungsinstitut von Null an mit aufzubauen, bekommt man vielleicht einmal im Leben."
Rund 115 Menschen aus 16 Nationen arbeiten derzeit für das DZA, bis 2038 sollen es etwa 1.000 sein. Etwa ein Drittel soll wissenschaftlich arbeiten, zwei Drittel in wissenschaftsnahen Bereichen - von IT und Verwaltung bis zu Technik und Handwerk. Viele ziehen dafür in die Neißestadt, um an einem Projekt mitzuwirken, das mitten im Lausitzer Strukturwandel eine Wissenschaftsinstitution von internationalem Rang aufbaut.
Familie durch Ukraine-Krieg zerrissen
Plotko verließ die Ukraine während der Pandemie, um in Berlin zu promovieren. Während er dort an seiner Doktorarbeit schrieb, begann Russland den Angriffskrieg. Seine Heimatstadt Charkiw wurde durch unzählige russische Angriffe teilweise dem Erdboden gleich gemacht. Seine Familie teilt sich in diejenigen, die in dem kriegsgebeutelten Land geblieben sind und diejenigen, die gegangen sind.
Seine Mutter und sein Stiefvater seien Lehrer und unterrichteten vor Ort online, erzählt Plotko. Andere Verwandte seien nach Deutschland gekommen, wieder andere seien im Militärdienst. Reisen in die Heimat seien für ihn als Mann im wehrpflichtigen Alter derzeit praktisch unmöglich. "Manchmal fühlt sich das alles surreal an", sagt er. "Ich sitze hier, arbeite, sehe die Bilder im Fernsehen und telefoniere mit meiner Familie. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich gut damit umgehe. Aber ich versuche, jeden Tag etwas zu tun – auch für die Ukraine."
Das tut Plotko etwa als eine Art wissenschaftlicher Diplomat: Er ist tätig im Bereich "International Scientific Affairs" und baut Netzwerke zwischen dem DZA und vorrangig Einrichtungen in Osteuropa auf – in Polen, Tschechien, im Baltikum und in seinem Heimatland. So bereitete er vor kurzem ein Treffen im westukrainischen Lwiw mit vor. Ziel ist unter anderem, den Wiederaufbau der ukrainischen Astronomie zu unterstützen.
Sorge um Wissenschaftsfreiheit in den USA
Mit einer gewissen Ambivalenz blickt auch Kristen Lackeos auf ihr Heimatland: Die 43-jährige Astrophysikerin ist im konservativ geprägten Süden der USA im US-Bundesstaat Alabama aufgewachsen. Der Aufstieg von Donald Trump und die wachsende politische Polarisierung hätten sie sensibel gemacht für Fragen der Wissenschaftsfreiheit und der Stabilität demokratischer Institutionen. "Wenn ich heute in die USA schaue, mache ich mir Sorgen", sagt sie. "Darüber, wie sicher Minderheiten sind, wie mit Wissenschaft umgegangen wird."
Sie hatte noch nie von Görlitz gehört, als sie sich für die Arbeit am DZA entschied. Für die US-Raumfahrtsbehörde NASA forschte sie an Gravitationswellen im All. Heute verarbeitet sie in Görlitz Signaldaten aus dem All, etwa um das Verschmelzen Schwarzer Löcher zu verstehen.
In der Neißestadt fühle sie sich sicher und wohl, habe Bekannte und Freunde gefunden. "Meine Nachbarn über mir kommen aus Mexiko", erzählt sie. "Auf einer Gartenparty hier in der Stadt standen Leute aus der Dominikanischen Republik, aus Kuba und Mexiko zusammen. Viele leben seit 20 Jahren hier." Dass Stadt und Landkreis auch Hochburgen der in Sachsen als rechtsextrem eingestuften AfD sind, das sei für sie im Alltag kaum spürbar, sagt sie. "Ich weiß aber, dass es auch andere Erfahrungen gibt – etwa für Menschen, die sichtbar einer Minderheit angehören."
Aufenthaltstitel und Wohnung binnen kürzester Zeit
Auch Plotko erlebt eher Unterstützung als Ablehnung - etwa durch eine hilfsbereite Verwaltung: "In Berlin habe ich sechs, sieben Monate auf einen neuen Aufenthaltstitel gewartet", erzählt er. "Hier habe ich meine Papiere online hochgeladen, und innerhalb weniger Wochen war alles erledigt." Auch eine Wohnung habe er in Görlitz binnen kürzester Zeit gefunden. In Berlin sei das undenkbar.
Lackeos vergleicht die Situation in der Lausitz mit ihrem früheren Zuhause Huntsville in den 1950er- und 60er-Jahren, als die Stadt zur "Rocket City" wurde: "Damals hat der Raumfahrtsektor eine ganze Region verändert. Es ist spannend zu sehen, ob etwas Ähnliches hier passieren kann."
Noch fällt das DZA im Görlitzer Stadtbild wenig auf. Das dürfte sich ändern, wenn das Forschungszentrum die heute noch leerstehenden historischen Gebäude des Kahlbaum-Areals bezieht – ein früheres Sanatorium. Eine Machbarkeitsstudie für das Gelände liege vor, in diesem Jahr solle ein Architekturwettbewerb beginnen, so DZA-Sprecher Stephan Witschas. Wenn alles gut geht, könnten Anfang der 2030er Jahre die ersten Gebäude bezogen werden.
Pavlo Plotko hofft, eines Tages wieder unbeschwert in seine Heimat fahren zu können – vielleicht, um eng mit ukrainischen Universitäten zusammenzuarbeiten. Kristen Lackeos wiederum wartet darauf, ihren Verwandten aus den USA im Sommer die neue Heimat zu zeigen: die historische Altstadt, die Kulisse für zahlreiche Filme war, und die Büros in einem alten Postamt, in denen an der Vermessung des Universums gearbeitet wird.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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