
Von gefährlichen Trends wie Hitzetraining mit künstlich simuliertem Fieber oder dem noch riskanteren Tragen von Höhenmasken hält Selina Grotian nicht viel. "Ich sehe keinen Sinn dahinter, mir eine Maske aufzuziehen oder mich in einen Anzug zu zwängen", sagte die 21-Jährige vor dem Start der olympischen Biathlonrennen in Antholz der Deutschen Presse-Agentur: "Ich möchte mit meiner eigenen Leistung und Fähigkeit etwas erreichen und nicht irgendwelche Hilfsmittel nehmen."
Doch während Deutschlands Skijäger zurückhaltend bleiben, setzen einige Konkurrenten vor allem aus Skandinavien längst auf die umstrittenen, aber nicht verbotenen Methoden. Im Triathlon oder Radsport ist all das schon viel länger ein Thema, Höhentraining gilt als wichtiger Baustein für Topleistungen im Ausdauersport. Ziel ist es, in Topform am Start zu stehen, wenn es am Sonntag mit der Mixed-Staffel um die erste Medaille geht. Auf rund 1.600 Metern Höhe in Südtirol sind die Bedingungen besonders herausfordernd. Um sich einen legalen Vorteil zu verschaffen, scheint einigen jedes Mittel recht.
Wie Hitzetraining zu besserer Ausdauer führt
"Ich betreibe das Hitzetraining schon seit drei Saisons", sagte der Norweger Johan-Olav Botn, der in diesem Winter zeitweise im Gesamtweltcup führte: "Ich konnte extrem davon profitieren und meinen Hämoglobinwert stetig steigern."
Genau das ist das Ziel, denn eine gesteigerte Hämoglobinmenge führt zu einer verbesserten Sauerstofftransportkapazität des Körpers. Das hat eine schnellere Regeneration zur Folge und bringt vereinfacht gesagt mehr Ausdauer. Lange wurden solche Erfolge nur durch echtes Höhentraining erreicht, beispielsweise durch längere Trainingslager in dünner Luft. Der Körper produziert als Reaktion auf den Sauerstoffmangel schlicht mehr rote Blutkörperchen.
Da die Wirkung nach etwa zwei Wochen nachlässt, kann er mit Hitzetraining verlängert werden. Der Körper wird in eine Art künstliches Fieber versetzt, die Temperatur soll auf bis zu 39 Grad steigen. Trainiert wird dann zum Beispiel in einem möglichst luftdichten Anzug auf dem Fahrradergometer. Der Körper verliert so in kurzer Zeit extrem viel Flüssigkeit, die Trainingseinheiten sind extrem anspruchsvoll und sollten medizinisch überwacht werden. Die Schwedin Ella Halvarsson berichtete schon davon, so fast ohnmächtig geworden zu sein. Lässt man aber die zwei bis drei Hitzeeinheiten pro Woche aus, ist der Effekt auch schnell wieder weg.
"Kein angenehmes Training"
"Wir sind da eine gewisse Vorreiternation", sagte Schwedens deutscher Trainer Johannes Lukas bei Sport1: "Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht und sind den Weg jetzt weitergegangen." Zwar handele es sich um "kein angenehmes Training", sagte der Münchner Lukas, aber es sei "mit interessanten Ergebnissen verbunden".
Beim Deutschen Skiverband werden die Entwicklungen genau beobachtet. "Unser Weg ist der, erst mal Ruhe zu bewahren", sagte Sportdirektor Felix Bitterling: "Wir haben das Gefühl, dass wir mit dem Programm, das wir jetzt fahren, gut fahren." Und das sind vor allem klassische Höhentrainingslager. Außerdem wohnt das deutsche Team in Antholz wegen der Höhenanpassung auch direkt in der Nähe des Stadions und nicht im olympischen Dorf, das deutlich tiefer im Tal liegt.
Angst vor "katastrophalen Auswirkungen" auf Sportler
Bitterling warnte auch eindringlich vor leichtfertigem Umgang. "Wir reden hier von Menschen", betonte der DSV-Funktionär: "Wenn ich sage, ich probiere jetzt ein neues Fahrrad aus, dann ist es eine Sache." Wenn man aber "einen jungen Menschen in einen Trainingsprozess reindrückt, bevor ich eigentlich sicher bin, dass der funktioniert", dann könnte das "katastrophale Auswirkungen auf den jungen Menschen und dessen Körper" haben.
Deswegen sei es wichtig, wissenschaftlich genau zu erforschen, wo die Risiken oder aber auch die Chancen von neuen Trainingsmethoden liegen. "Was Sportwissenschaft und neue Trends betrifft, sind wir gut aufgestellt", sagte Bitterling und verwies auf die enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig.
Am IAT untersuchte Hannes Kock das "sehr, sehr interessante" Hitze-Thema bereits in Fallstudien mit DSV-Athletinnen und -Athleten. Auch im Langlauf-Team wurde es getestet. "Die aktuelle Studienlage zeigt, dass es eine Tendenz gibt, dass die Leistung besser werden kann", sagte Kock der dpa. Hundertprozentig sei es aber nicht. Denn regelmäßiges Hitzetraining könnte mitunter auch einen negativen Einfluss auf die Trainingsqualität und Leistung haben. Zudem sei es nur etwas, wenn man leistungstechnisch "an den letzten Prozenten arbeitet". Fehlen die "absolut essenziellen Grundlagen", sollte man sich zunächst diesen Faktoren widmen, sagte Kock.
Biathlet Horn offen für Neues
Olympia-Starter Philipp Horn testete im vergangenen Jahr wie einige andere Biathleten das Hitzetraining. "Wir haben auf jeden Fall Ideen, wie wir das mit ins Training einbauen können. Ich wäre bereit dazu, wenn die Studienlage dementsprechend ist", sagte Horn der dpa. Es sei "sehr, sehr anstrengend, weil der Körper sich dagegen wehrt. Aber wenn dadurch ein Trainingsreiz gesetzt wird, der etwas bringt, dann hätte ich damit kein Problem".
Deutlich weniger bekannt ist, wie weit verbreitet Höhenmasken im Training auch bei Biathletinnen und Biathleten sind. In den Fokus geriet dieses Gerät im Dezember, als der Norweger Sivert Guttorm Bakken tot in seinem Hotelzimmer in Italien aufgefunden wurde. Er trug eine dieser Masken, die laut norwegischen Medienberichten auf einem simulierten Wert von 7.000 Metern eingestellt war. Ob die Maske die Ursache für den Tod des 27-Jährigen war, ist nicht bekannt. Bakken hatte wegen einer Herzmuskelentzündung 2022 zwei Jahre pausieren müssen. Erst im März sollen die Obduktionsergebnisse veröffentlicht werden.
Wie gefährlich sind Höhenmasken?
Höhenmasken schränken den Luftstrom ein, dadurch muss die Atemmuskulatur stärker arbeiten, ohne dabei aber weniger Sauerstoff pro Atemzug zu bekommen. Die Geräte sind mit Ventilen regulierbar und können so verschiedene Höhen simulieren. Sie gelten als umstritten und unter Experten nicht als Ersatz für einen Aufenthalt im Hochgebirge.
Die Masken, die sowohl beim Sport als auch in Ruhephasen verwendet werden können, sind in Online-Shops mit wenigen Klicks erhältlich. Der norwegische Biathlon-Verband reagierte schnell nach Bakkens Tod und untersagte den Einsatz. Sie seien nicht Teil offizieller Trainingsprogramme gewesen, die Nutzung habe in der Eigenverantwortung der Athleten gelegen. Angeblich hätten sie nur wenige im Team genutzt, in der deutschen Auswahl kamen sie bislang gar nicht zum Einsatz.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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