
Nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade werden Forderungen nach einem besseren Schutz für Mitarbeitende laut. Wenn es um Sorgerecht oder Kindeswohlgefährdung gehe, seien die Beschäftigten in solchen Einrichtungen einem erhöhten Risiko von verbaler und physischer Gewalt ausgesetzt, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Doreen Siebernik. "Sie erleben immer wieder Entgleisungen und Übergriffe, die tief in den Dynamiken von häuslicher Gewalt und patriarchalem Kontrollwahn verwurzelt sind", beschreibt sie.
Ein 45 Jahre alter Tatverdächtiger soll am Montag in einer Mutter-Kind-Wohngruppe in der Stadt westlich von Hamburg vier Frauen und zwei Männer getötet haben. Drei der Opfer arbeiteten in der Jugendhilfeeinrichtung, drei weiteren waren Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover, die sich zu einem Hilfeplangespräch in der Einrichtung befanden.
Zum Schutz der Einrichtungen bedarf es aus Sicht der GEW eines funktionierenden Systems von Jugendamt, Polizei und Trägern. Siebernik benennt aber offen das "Dilemma" dabei. "Einerseits müssen Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und das Leben der Angestellten schützen. Andererseits leben soziale Arbeit und Jugendhilfe von Vertrauen und Zugänglichkeit", sagt sie. Sollten die Orte zu "Festungen" mit Sicherheitsschleusen mit bewachten Eingängen ausgebaut werden, könne dies die Hemmschwelle für Hilfesuchende vergrößern.
Widerspruch von mangelndem Schutz für Beschützer
Der Widerspruch von mangelndem Schutz für Menschen, die andere Menschen schützen sollen, muss aber aus Sicht der Gewerkschaft Verdi aufgelöst werden. Für Mitarbeiter des Jugendamtes entstehen regelmäßig Situationen, bei denen es Kontakt mit Tätern gebe, sagt die Landesbezirksleiterin für Niedersachsen-Bremen, Andrea Wemheuer. "Dem stehen mangelhafte Schutzkonzepte und fehlende Ressourcen gegenüber, um die Beschäftigten bestmöglich abzusichern", sagt sie.
Ähnlich kritisiert die GEW, dass soziale Arbeit chronisch unterfinanziert und überlastet sei. Mutter-Kind-Einrichtungen gelten aber aus Sicht der Gewerkschaft im gesellschaftlichen Konsens als Schutzräume. "Dass hier ein Täter mit Waffengewalt in so ein Haus eingedrungen ist und Beschäftigte getötet hat, nimmt vielen Mitarbeitenden das grundlegende Gefühl von Sicherheit am Arbeitsplatz", sagt Doreen Siebernik für die Gewerkschaft.
Schutzräume müssen Namen gerecht werden
Um den Namen gerecht zu werden, müssten Siebernik zufolge Schutzräume materiell und personell so ausgestattet sein, dass Sicherheitskonzepte flächendeckend angewandt werden können. Es brauche Deeskalationstrainings, Doppelbesetzungen und bauliche Schutzmaßnahmen. Information über gewaltbereite Menschen müssten erfasst und zur Warnung weitergegeben werden. Als ein Beispiel nennt Siebernik die Installation von "Stillen Alarmen" an Schreibtischen, damit Betroffene sich unbemerkt verständigen können.
"Die schrecklichen Ereignisse von Stade führen in besonders grausamer Weise vor Augen, welchen Gefahren Beschäftigte ausgesetzt sein können, wenn sie im staatlichen Auftrag schwierige und oftmals konfliktreiche Entscheidungen begleiten", sagt Alexander Zimbehl für den Beamtenbund in Niedersachsen.
Niemals an Gewalt gegen Helfer gewöhnen
Er fordert zum einen eine realistische Gefährdungsanalyse an besonders sensiblen Arbeitsplätzen und zum anderen eine konsequente strafrechtliche Verfolgung von Bedrohungen und Angriffen. "Wir dürfen uns niemals daran gewöhnen, dass Menschen, die anderen helfen, selbst zu Opfern von Gewalt werden", sagt Zimbehl.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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