
Was er in sein Handy tippt, findet Alexander Zverev, geht die Öffentlichkeit dann doch nichts an. Dafür, dass Kameras die Profis auch abseits des Platzes begleiten, hat der Tennisstar zwar Verständnis. Wenn solche privaten Details eingefangen und im Internet und Fernsehen geteilt werden, überschreite es aber Grenzen. Ihm sei mal geschrieben worden, dass er seinen Handycode ändern solle, weil dieser zu sehen gewesen sei, berichtete der dreimalige Grand-Slam-Finalist in München. "Das ist mir zu viel."
Dass Kameras auf den Turnieranlagen auch hinter den Kulissen omnipräsent sind und in Ecken lauern, in denen sich Spielerinnen und Spieler einst unbeobachtet fühlten, sorgt in der Szene für Unmut. Vor allem bei den Grand Slams ist es üblich, dass Profis auf Schritt und Tritt beobachtet werden.
Auch Topstar Carlos Alcaraz kritisierte gerade erst, die Spieler hätten zu wenig geschützten Raum für sich selbst. Endlich spreche jemand "über den totalen Verlust der Privatsphäre der Spieler bei Turnieren", kommentierte der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker in einem Post auf X die Aussagen des Spaniers. "In meinen Tagen hätten wir das nicht zugelassen!"
Die Kritik: Überall Kameras - nur nicht in der Umkleide und Toilette
Bei den in dieser Woche laufenden Sandplatz-Events der ATP in München und der WTA in Stuttgart ist die Kamerapräsenz nicht dermaßen stark ausgeprägt wie bei den wichtigsten Saison-Auftritten. Laura Siegemund berichtete in Stuttgart von ihren Erfahrungen: "Mittlerweile sind auf den großen Turnieren in jedem Raum Kameras. Dass im Klo noch keine ist, ist wirklich gerade alles."
Die Entwicklung hat nach Zverevs Eindruck in der Corona-Pandemie "extrem" angefangen. Zuschauer waren auf den Rängen lange nicht erlaubt, aus Vermarktungsgründen sollten Fans dennoch näher an die Profis rücken können. "Für Fans ist es schön, die Spieler hinter den Kulissen zu sehen. Zu sehen, wie sie ticken. Das verstehe ich auch", sagte Zverev. "Aber es sollte schon Bereiche geben, wo man Ruhe hat, wo man für sich selbst sein kann."
"Sind wir Tennisspieler? Oder sind wir Tiere im Zoo?"
Dass das Thema in den Fokus rückte, liegt an US-Star Coco Gauff. Bei den Australian Open zum Saisonbeginn hatte sie sich unbeobachtet gewähnt, als sie nach ihrem Viertelfinal-Aus in den Katakomben ihren Schläger zerhackte.
Ihr Wutausbruch wurde gefilmt, jeder konnte ihn sehen. Anschließend prangerte Gauff an, dass die Profis auf der Anlage unter ständiger Videobewachung stünden. Zahlreiche Profis stimmten zu, beschwerten sich. Iga Swiatek fragte: "Sind wir Tennisspieler? Oder sind wir Tiere im Zoo?" Die Polin war 2024 gefilmt worden, wie sie nach einem emotionalen Sieg auf der Massagebank weinte.
Lösungsvorschläge? Lys und Gauff haben eine Idee
In Stuttgart musste Gauff kichern, als sie daran dachte, wie sie die Debatte losgetreten hatte. Das Thema aber ist ihr natürlich ernst. Was aus ihrer Sicht eine wünschenswerte Lösung wäre? Wie Eva Lys hielte sie es für sinnvoll, wenn eine Beschilderung kennzeichne, wo Kameras sind und wo keine sind. "Es geht einfach darum, zu kontrollieren, was gezeigt wird und was nicht", sagte Gauff.
Es gebe auch bei den Turnieren viele privaten Momente, erklärte die French-Open-Siegerin und nannte ein Beispiel. "Ich bete vor jedem Match. Ich musste die Kameraleute bitten, diesen Moment nicht aufzunehmen."
Definitiv würden die Aufnahmen zu weit gehen. "Wir sind Sportler, wir bieten auf dem Platz eine Show", erklärte Gauff, "aber ich glaube nicht, dass wir alles, was wir abseits des Platzes tun, dafür opfern müssen. (...) Manche Menschen haben auf die Handys der Leute herangezoomt, ihre Textnachrichten gelesen."
Die Frauen-Profiorganisation WTA verspricht Unterstützung. Man erwarte, dass Veranstalter und TV-Partner sich des Themas annehmen, teilte sie auf Anfrage mit. Bei WTA-Events seien Schritte eingeleitet und die Kameras reduziert worden. Auch die Organisatoren der Australian Open hatten angekündigt, Anpassungen vorzunehmen.
Turnierdirektor Kühnen: Die Sportart profitiert
Ex-Profi Patrik Kühnen, Münchens Turnierdirektor, versteht die unterschiedlichen Sichtweisen. Der technische Fortschritt hätte "viele Vorteile, weil man die Sportart Tennis anders transportieren kann als es noch zu meiner Zeit der Fall war", sagte der 60-Jährige. "Ich glaube, dass Tennis als Sportart profitieren kann." Die Spieler müssten "einen guten Spagat" hinbekommen.
Siegemund findet es allerdings schwer, sich den Kameras zu entziehen - auch wenn sie sich persönlich so oft es geht von der Anlage fernhalte. Im Gang zum Fitnessraum müsse man sich aber beispielsweise aufhalten. "Wir sind auch Menschen", sagte sie. "Wir sind uns nicht jedes Mal bewusst, dass alles überall gefilmt wird." Genau dies müsse sie sich aber immer wieder bewusst machen - dass sie eigentlich gefilmt werde, sobald sie einen Fuß auf die Anlage setze.
"Man muss sich entsprechend verhalten, wenn man sich in Anführungszeichen nicht angreifbar machen will", sagte sie. Das sei zu arg. "Muss das sein, dass eine Kamera in dem Eingangsbereich ist, wo der Fahrdienst Autos vorfahren lässt?", warf Siegemund auf. "Ich weiß es nicht. Braucht man das?"
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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