
Diese Nacht wird Patrick Koch nie vergessen. Ununterbrochen hat er mit einem Traktor Wasser angeliefert, um die Feuerwehr bei der Bekämpfung des Waldbrands im Hürtgenwald zu unterstützen. Das Wasser holte er in einem Fass aus einer Talsperre. Und dann immer auf die Flammenwand zu. Was das für ein Gefühl war? "Das war Wahnsinn", sagt der 31-Jährige, der für ein Tiefbauunternehmen arbeitet. "Noch nie erlebt so was. Und auch nie damit gerechnet, dass das hier direkt bei uns vor der Tür ist."
Er habe überall Glutnester gesehen und "sehr viele Flammen". Durch den Rauch gab es nur eingeschränkte Sicht. Alles, was man gesehen habe, seien die Rauschwaden und die lodernden Flammen gewesen. "Und dazwischen die Lichter der Traktoren und Feuerwehrautos." Seine Freundin habe zu Hause aus dem Fenster beobachten können, wie sich der Brand ausgebreitet habe. "Die hat sich natürlich Sorgen gemacht." Und er, wie hat er sich gefühlt? Er zuckt mit den Schultern. "Man macht einfach seine Arbeit und versucht zu helfen. Man will ja auch seine Heimat irgendwie retten."
Die Lage im Hürtgenwald war in der Nacht dramatisch, und sie ist es auch noch am nächsten Morgen. Gegen 7.30 fährt ein Radfahrer durch den Ortsteil Großhau. Plötzlich biegt er um eine Ecke - und sieht vor sich einen Panzer durch ein verschlafenes Sträßchen rollen. Sofort bremst der Radler scharf ab und zückt das Handy für ein Video.
Der Wald ist vermint - Hinterlassenschaft einer Schlacht
Die Panzer seien nötig, um Schneisen in den Wald zu schlagen, erklärt der Dürener Landrat Ralf Nolten (CDU). Der Hürtgenwald ist ein sehr großer und alter Wald. Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich dadurch, dass überall Kriegs-Hinterlassenschaften zu finden sind. Im Herbst 1944 tobte hier eine der für die Amerikaner verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der als Reporter mitreisende Schriftsteller Ernest Hemingway ("Der alte Mann und das Meer") fühlte sich durch die schroffe Landschaft an Illustrationen aus Grimms Märchen erinnert gefühlt, "nur viel dunkler".
Auf den Gesteinsblöcken der Bunker wachsen heute Farne und Bäume, aber unter der Erde liegen Granaten und Munition. Helfer berichten, dass in der Nacht immer wieder Explosionen aus der Richtung des Brands zu hören waren. "Wir haben auch die Schläge gehört, hier ist Munition in der Nacht auch hochgegangen", bestätigt Nolten. Dazu seien starke, wechselnde Winde gekommen. "Wir mussten uns streckenweise auch zurückziehen, damit einzelne Einheiten nicht eingekesselt wurden.
Das Kernproblem: Zunächst sei die Feuerwalze Richtung Westen gerollt, dann in Richtung Norden, dann Osten. "Und dann wirklich den Hang runter auf die Ortschaft zu", schildert Nolten. "Und dann mussten wir evakuieren." Nur noch etwa 250 Meter sei das Feuer gegen Morgen vom Ortsteil Gey mit 2300 Bewohnern entfernt gewesen. Deshalb habe unbedingt gehandelt werden müssen.
Mitten in der Nacht stand die Polizei vor der Tür
Mitten in der Nacht klingelte die Polizei die Leute aus dem Bett. Der Landrat weiß von keiner einzigen Person, die den Anweisungen nicht sofort Folge geleistet hätte. Verweigerer, mit denen sich die Behörden bei Evakuierungen für Bombenentschärfungen etwa in Köln regelmäßig herumschlagen müssen, gab es demnach nicht. "Wenn Sie die Feuerwand gesehen haben - die Bäume haben hier schon ihre Höhe, und dann brennt's nochmal 18 Meter über die Krone - wenn Sie das gesehen haben, dann gehen Sie. Dann fangen Sie nicht an zu diskutieren."
Die Evakuierten wurden zunächst in einer Schule untergebracht. Manche wandten sich hinterher noch an Polizei und Feuerwehr, um ihre Katze aus dem Haus zu holen oder wichtige Medikamente.
Auch Stephan Cranen, Bürgermeister von Hürtgenwald, bestätigt, dass die Bewohner sehr verständnisvoll gewesen seien. Während hinter ihm die Rauchwolken aufsteigen und ein Löschhubschrauber zu seiner nächsten Runde losfliegt, rekapituliert er kurz die vergangenen Tage: "Es hat sich immer weiter ausgebreitet, dieses Feuer hier. Ich hatte immer schon Angst, dass bei den Temperaturen was passiert, aber dass es uns so getroffen hat..." Es sei für ihn ein Bild der Erleichterung, dass er nun den Löschhubschrauber sehe. "Ich hoffe, dass wir das jetzt in den Griff kriegen. Es ist wichtig, dass der Ortschaft nichts passiert. Der Wald, das ist ärgerlich, aber die Orte..! Das wäre nochmal eine ganz andere Dimension."
Das Dumme ist: Es ist "Red Vlag Day" heute
Wie geht es jetzt weiter? Nolten: "Im Laufe des Nachmittags rechnen wir damit, dass aufgrund der steigenden Temperaturen wieder eine gewisse Thermik entsteht, und das kann dazu führen, dass wir wieder ein Anfachen, ein Aufflammen von einzelnen Feuern haben."
Das Dumme sei, dass das alles an einem "Red Vlag Day" stattfinde, sagt Feuerwehrsprecher Peter Berndgen. Feuerwehrleute hätten nicht gerne Temperaturen von mehr als 30 Grad und starke, wechselnde Winde. "Leider haben wir heute genau einen solchen Tag." Deswegen seien Prognosen auch so schwierig. "Wir stellen uns auf alle Szenarien ein."
Am Vormittag wird die ärztliche Betreuungsstelle für Einwohner aus Gey geräumt - der Ascheregen war zu stark geworden. Zu diesem Zeitpunkt deuten die Zeichen nicht darauf hin, dass der Brand von Hürtgenwald unter Kontrolle ist.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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