
Temperaturen weit über 30 Grad am Tag und tropische Temperaturen in der Nacht – beim Blick auf die Wetteraussichten hat Silke Behrendt kein gutes Gefühl. Hitzetage bedeuten für die 60 Jahre alte Pflegefachkraft vor allem eins: noch mehr Arbeit, Schweiß und Anstrengung. "Das schwingt in den Gesprächen mit Kolleginnen mit: Wenn man so eine Wetterprognose hat, sind viele besorgt, die dann in den Diensten eingeteilt sind", sagt Behrendt. Das Bochumer Pflegeheim, in dem sie arbeitet, hat keine eingebaute Klimaanlage.
Vielen Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen mangelt es an einer energetischen Sanierung. Auch im Altenzentrum Oedt am Niederrhein kämpfen nur ein paar Ventilatoren gegen die Hitze in den Gemeinschaftsräumen an. Einrichtungsleiter Michael Morjan wünscht sich für Speisesaal und Aufenthaltsraum eine Klimaanlage. Aber für Installation, Strom und Wartungen der Geräte fehlt das Geld. Bisher sind bloß ein paar einzelne Räume, Büros und die Dienstzimmer mit den Medikamenten klimatisiert. Mobile Klimageräte oder Ventilatoren in den Zimmern müssen von den Bewohnern selbst angeschafft werden.
In Bochum sind Sprühflaschen, Getränke und kühle Handtücher Silke Behrendts Helfer in der Not. Letztlich sei dies aber alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein, erzählt die Pflegefachkraft. Mehr als eine kurze Abkühlung ist damit nicht zu schaffen. Die andauernde Hitze in den Zimmern ist schwer aushaltbar - und mitunter auch gefährlich für die Bewohner. Der im Alter veränderte Stoffwechsel und bestimmte Grunderkrankungen könnten ein erhöhtes Risiko bedeuten. Wie viele Kreislaufzusammenbrüche oder sogar Todesfälle direkt auf eine Hitzebelastung zurückzuführen seien, lasse sich jedoch nur schwer beurteilen.
Bewohner: "Das ist kein Wetter für mich"
Die Hitze wirkt sich nicht nur körperlich auf ältere Menschen aus. "Die Bewohner sind deutlich unruhiger im ganzen Verhalten, schlafen schlechter, kommen weniger zur Ruhe", sagt Pflegedienstleiterin Anja Thyssen aus dem Altenzentrum Oedt. Manche Menschen nehmen nicht mehr an Aktivitäten teil und bleiben auf ihren Zimmern. "Gestern habe ich den ganzen Tag hier im Sessel gesessen. Das ist kein Wetter für mich", schildert eine Bewohnerin.
Viel kühler ist es dort aber auch nicht. Das Thermometer im Zimmer eines Bewohners zeigt 29,6 Grad an. Trotz eines selbst angeschafften Klimageräts. "Da muss man jetzt durch, das kann man nicht ändern", sagt er.
Das Personal sei sehr darum bemüht, die Situation für alle etwas angenehmer zu machen, erzählt Thyssen. So finden Unternehmungen wie Gottesdienste und Bewegungsübungen dennoch statt - zur Ablenkung. Hitze in diesem Ausmaß sei für viele ungewohnt, berichtet sie.
Erst einmal einen Plan machen?
Die Pflegekammer NRW fordert die verbindliche Einführung von Hitzeaktionsplänen in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Darin sollten Maßnahmen festgehalten werden, die zum Hitzeschutz beitragen und entsprechende Krankheits- und Sterbefälle senken. Bisher sind solche Pläne für Einrichtungen sowie für Städte und Gemeinden freiwillig. Einige Kommunen in NRW haben bereits Hitzeaktionspläne – einige nicht.
Doch wie effektiv können theoretische Pläne gegen die praktische Hitze überhaupt wirken? "Wenn man das alles ernst nehmen würde, hätte das durchaus Effekte", glaubt Kevin Galszka, Vorstandsmitglied der Pflegekammer NRW. Es brauche außerdem genug Zeit, um Maßnahmen gut zu implementieren. Das solle möglichst wenig Mehraufwand für Einrichtungen bedeuten, mahnt er.
Entscheidend sei nicht das Vorliegen eines Hitzeaktionsplans, sondern das planvolle Vorgehen und Umsetzen der Mittel, heißt es auch vom Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen. Um einen Hitzeaktionsplan zu erstellen, bietet die Behörde Arbeitshilfen an. Die darin vorgeschlagenen Maßnahmen sind sehr konkret: Kühle Fußbäder, Trinkprotokolle oder Aufklärungsgespräche mit Angehörigen werden als Beispiele genannt.
Einer Verpflichtung zu Hitzeaktionsplänen steht Einrichtungsleiter Morjan grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Allerdings brauche es dann auch die finanziell nötigen Mittel: "Wenn man mich verpflichtet, Dinge zu tun, dann muss man auch Sorge dafür tragen, dass ich sie umsetzen kann."
Personal stößt körperlich und psychisch an Grenzen
Mit den höheren Temperaturen steigen mancherorts die Ausfallzahlen beim Personal. Auch Pflegefachkraft Behrendt in Bochum stößt irgendwann an ihre Grenzen. "Früher hat mir das nicht so viel ausgemacht. Aber jetzt reagiere ich schon relativ sensibel auf Hitze", sagt die 60-Jährige. Den Leistungsabfall spüre sie dann deutlich, körperlich wie kognitiv. Hinzu komme der psychische Druck.
"Wir machen eine körperlich schwere Arbeit, aber natürlich muss man sich auch hoch konzentrieren", erzählt Behrendt. Sie wolle Fehler auf jeden Fall vermeiden, habe aber manchmal doch "richtig Muffensausen". Die Verantwortung sei groß. Letztlich werde die Arbeit trotz fehlender Klimaanlage und unter schwierigen Rahmenbedingungen erledigt. Tag für Tag heiße es auch bei der anhaltenden Hitze : "Dann ziehen wir halt mal durch."
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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